Märchenbuch

Podcast-Empfehlungen

Jetzt hast du aber genug Wissenswertes über Märchen und Ihre Entstehung gelesen. Das Schönste an Märchen sind doch die Geschichten und wie sie erzählt werden. Such dir also ein gemütliches Plätzchen aus, klicke auf dein Lieblingsmärchen und lehne dich zurück. Viel Spaß beim Zuhören.

Hier findest du in voller Länge einige Märchen der Gebrüder Grimm gesprochen von der Deutschen Schauspielerin Mechthild Großmann.

Die ARD-Märchenreihe „6 auf einen Streich“ erwecken die Märchen-Klassiker zum neuen Leben. Die ARD beschreibt Ihren Podcast wie folgt:
„Auf geht es zu magischen Orten und verwunschenen Palästen! Gemeine Hexen, verzauberte Prinzessinnen, mächtige Herrscher, furchtlose Prinzen, ein singendes, klingendes Bäumchen, eine kluge Bauerntochter und viele weitere Protagonisten.“

Tauche ein die Märchenwelt aus 1001 Nacht. Hier werden die Geschichten von Ali Baba, Aladin und Co. erzählt. 

Gute Nacht, Sonnenschein. Der märchenhafte Podcast für kleine und große Leute. Hier findest Du alle vertrauten und auch weniger geläufige Märchen und „Gute Nacht Geschichten“ in der Originalfassung von den Brüdern Grimm, Ludwig Bechstein, Hans Christian Andersen,  u. v. a. Autoren.

Lesungen

Ein Märchen der Gebrüder Grimm

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die Jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich wunderte so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schloss des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen. An heißen Tagen ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens. Wenn sie Langeweile hatte, nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; dieses Spiel hatte sie am liebsten.

Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hinein rollte. Die Königstochter schaute ihr nach, aber die Kugel verschwand. Der Brunnen war tief, so tief dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: “Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erweichen möchte.” Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken Kopf aus dem Wasser streckte. “Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher,” sagte sie, “ich weine wegen meiner goldenen Kugel, die mir in den Brunnen gefallen ist.” “Sei still und weine nicht,” antwortete der Frosch, “ich kann dir helfen, aber was gibst du mir, wenn ich deine Kugel wieder heraufhole?” “Was du haben willst, lieber Frosch,” sagte sie, “meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.” Der Frosch antwortete: “Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht. Aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Freund und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerchen essen, aus deinem Becherchen trinken, in deinem Bettchen schlafen; wenn du mir das versprichst, so will ich hinunter tauchen und dir die goldene Kugel wieder herauf holen.” “Ach ja,” sagte sie, “ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.” Sie dachte aber: “Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seines Gleichen und quakt.”

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab und nach einer Weile kam er wieder herauf gerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihre schöne Kugel wieder erblickte, hob sie auf und sprang damit fort. “Warte, warte,” rief der Frosch, “nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.” Aber was half ihm, dass er ihr sein quak quak so laut nach schrie wie er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinunter tauchen musste.

Am nächsten Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten an der Tafel saß und von ihrem goldenen Tellerchen aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe herauf gekrochen. Als es oben angelangt war, klopfte es an der Tür und rief: “Königstochter, jüngste, mach mir auf!” Sie ging zur Türe und wollte sehen wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch und hatte furchtbare Angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte und sprach: “Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?” “Ach nein,” antwortete sie, “es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.” “Was will der Frosch von dir?” “Ach lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es verlangte, so versprach ich ihm er sollte mein Freund werden, ich dachte aber nimmermehr dass er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.” Da klopfte es zum zweiten Mal und der Frosch rief:

“Königstochter, jüngste, mach mir auf, weißt du nicht was gestern du zu mir gesagt bei dem kühlen Brunnenwasser? Königstochter, jüngste, mach mir auf!”

Da sagte der König: “Was du versprochen hast, das musst du auch halten; geh nur und mach ihm auf.” Sie ging und öffnete die Türe, da hüpfte der Frosch herein und folgte ihr auf dem Fuße, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: “Heb mich herauf zu dir!” Sie zauderte. Doch der König befahl es ihr. Nachdem der Frosch auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: “Nun schieb mir dein goldenes Tellerchen näher heran, damit wir zusammen essen.” Das tat sie zwar, aber man sah wohl dass sie’s nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich’s gut schmecken, aber ihr blieb fast jeder Bissen im Halse stecken. Endlich sprach er: “Ich habe mich satt gegessen, und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerchen und mach dein seidenes Bettchen zurecht. Wir wollen uns darin schlafen legen.” Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettchen schlafen sollte. Der König aber wurde zornig und sprach: “Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du nicht verachten.” Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke.

Als sie im Bett lag, kam er heran gekrochen und sprach: “Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du. Heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater!” Da hob ihn die Königstochter widerwillig herauf zu sich. “Ich bin traurig, dass du mich nicht magst. Gib mir einen Kuss, oder ich sag’s deinem Vater!” Da wurde der Königstochter schwindelig. Sie sollte den garstigen Frosch auf die nassen, hässlichen Warzen küssen? Aber sie dachte an die Mahnungen ihres Vaters, kniff die Augen zusammen, rückte näher und berührte mit ihren gepressten Lippen widerwillig den kalten Wanzt des Frosches.

Als sie ihre Augen öffnete, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Er war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Freund und Gemahl. Er erzählte ihr, er sei von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein.

Am nächsten Morgen fuhren sie mit der Kutsche gemeinsam in sein Reich.

Ein Märchen der Gebrüder Grimm

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade sass, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“

Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, dass der König vor Freude sich nicht zu lassen wusste und ein grosses Fest anstellte. Er ladete nicht bloss seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben.

Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüssen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verliess den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“

Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, liess den Befehl ausgehen, dass alle Spindeln im ganzen Königreiche verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, dass es jedermann, er es ansah, lieb haben musste. Es geschah, dass an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloss zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und sass da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.

„Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst du da?“ – „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf .“Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf.

Und dieser Schlaf verbreite sich über das ganze Schloss: der König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, liess ihn los und schlief. Und der Wind legt sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloss umzog und darüber hinauswuchs, dass gar nichts davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf den Dach.

Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also dass von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes.

Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloss dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wusste auch von seinem Grossvater, dass schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte. Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter grosse schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und liessen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als Hecke zusammen. Im Schlosshof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dach sassen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd sass vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden.

Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, dass einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss.

Wie er es mit dem Kuss berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit grossen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln; und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, dass er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig.

Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

Ein Märchen von Hans Christian Andersen

Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten; aber es sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt herum, um eine solche zu finden, aber überall war etwas im Wege. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nicht herausbringen. Immer war etwas, was nicht so ganz in der Ordnung war. Da kam er denn wieder nach Hause und war ganz traurig, denn er wollte doch so gern eine wirkliche Prinzessin haben.
Eines Abends zog ein schreckliches Gewitter auf; es blitzte und donnerte, der Regen strömte herunter, es war ganz entsetzlich! Da klopfte es an das Stadtthor, und der alte König ging hin, um aufzumachen.
Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Tore stand. Aber, o Gott! wie sah die von dem Regen und dem bösen Wetter aus! Das Wasser lief ihr von den Haaren und Kleidern herunter; es lief in die Schnäbel der Schuhe hinein und an den Hacken wieder heraus. Und doch sagte sie, daß sie eine wirkliche Prinzessin sei.
„Ja, das werden wir schon erfahren!“ dachte die alte Königin. Aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alle Betten ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle; darauf nahm sie zwanzig Matratzen und legte sie auf die Erbse, und dann noch zwanzig Eiderdunen-Betten oben auf die Matratzen.
Da mußte nun die Prinzessin die ganze Nacht liegen. Am Morgen wurde sie gefragt, wie sie geschlafen habe.
„O, erschrecklich schlecht!“ sagte die Prinzessin. „Ich habe meine Augen fast die ganze Nacht nicht geschlossen! Gott weiß, was da im Bette gewesen ist! Ich habe auf etwas Hartem gelegen, sodaß ich ganz braun und blau über meinen ganzen Körper bin! Es ist ganz entsetzlich!“
Nun sahen sie ein, daß es eine wirkliche Prinzessin war, da sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdunen-Betten hindurch die Erbse verspürt hatte. So empfindlich konnte Niemand sein, als eine wirkliche Prinzessin.
Da nahm der Prinz sie zur Frau, denn nun wußte er, daß er eine wirkliche Prinzessin besitze; und die Erbse kam auf die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn Niemand sie gestohlen hat.
Sieh, das war eine wahre Geschichte.

Ein Märchen von Wilhelm Hauff

Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf seinem Sofa. Er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag. Nun sah er nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Der Kalif rauchte eine lange Pfeife aus Rosenholz, trank hier und da ein wenig Kaffee, und strich sich vergnügt den Bart. Kurz um, man sah dem Kalifen an, dass es ihm recht wohl war.

Um diese Stunde konnte man gut mit ihm reden, und deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor jeden Tag um diese Zeit. An diesem Nachmittag kam er nun wieder zum Kalifen, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: „Warum machst du so ein nachdenkliches Gesicht, Großwesir?“ Der schlug seine Arme ineinander, verneigte sich vor seinem Herrn und antwortete: „Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht mache, weiß ich nicht. Aber da unten am Schloss steht ein Krämer, der hat so schöne Sachen, dass es mich ärgert, kein Geld übrig zu haben.“

Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange eine Freude machen wollte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein kleiner, dicker Mann, ganz schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in dem er allerhand Waren hatte: Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme.

Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten dann wieder zumachen wollte, sah der Kalif noch eine kleine Schublade und fragte, ob etwas darinnen sei. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte eine Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die keiner von ihnen lesen konnte. „Ich bekam diese zwei Stücke von einem Kaufmann, der sie in Mekka auf der Straße fand“, sagte der Krämer. „Ich weiß nicht, was sie enthalten. Ich werde sie euch für einen guten Preis geben, denn ich kann ja doch nichts damit anfangen.“

Der Kalif hatte in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte, auch wenn er sie nicht lesen konnte. Also kaufte er Schrift und Dose und entließ den Krämer. Nun dachte der Kalif, es wäre gut zu wissen, was die Schrift enthalte. Da fragte er den Wesir, ob er jemand kenne, der es entziffern könne.

„Gnädigster Herr und Gebieter“, antwortete dieser, „an der großen Moschee wohnt ein Mann, der Selim heißt. Er ist ein Gelehrter und versteht alle Sprachen. Schicke nach ihm! Vielleicht kennt er die geheimnisvollen Zeichen.“

Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. „Selim“, sprach der Kalif zu ihm, „man sagt, du seiest sehr gelehrt. Guck einmal ein wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst. Kannst du sie lesen, so bekommst du ein neues Festkleid von mir. Gelingt es dir nicht, so bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, weil man dich umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.“

Selim verneigte sich und sprach: „Dein Wille geschehe, oh Herr!“ Lange betrachtete er die Schrift, doch dann rief er plötzlich aus: „Das ist Lateinisch, oh Herr, oder ich lasse mich hängen.“ „Sag, was du lesen kannst“, befahl der Kalif, „wenn es denn Lateinisch ist.“

Selim fing an zu übersetzen: „Mensch, der du dieses findest, preise Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu ‚Mutabor‘ spricht, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache der Tiere. Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich dreimal gen Osten und spreche wieder das Zauberwort. Aber hüte dich! Wenn du verwandelt bist, darfst du nicht lachen, sonst verschwindet das Zauberwort aus deinem Gedächtnis, und du bleibst für immer ein Tier.“

Als Selim, der Gelehrte, alles vorgelesen hatte, war der Kalif über die Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen und schenkte ihm ein schönes Kleid. Zu seinem Großwesir aber sagte er: „Das nenne ich einen guten Kauf, Mansor! Wie freue ich mich darauf, ein Tier zu sein. Morgen früh kommst du zu mir. Wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas aus meiner Dose und belauschen, was in der Luft und im Wasser, im Wald und auf dem Feld gesprochen wird!“

Kaum hatte sich der Kalif Chasid am anderen Morgen angekleidet und gefrühstückt, da kam schon der Großwesir, wie befohlen. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in den Gürtel und machte sich mit dem Großwesir ganz alleine auf den Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Palastgärten, spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probieren. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen. Dort hatte er schon oft Tiere gesehen, namentlich Störche, die mit ihrem Geklapper seine Aufmerksamkeit erregt hatten.

Der Kalif war mit den Vorschlag einverstanden. Als sie am Teich angekommen waren, sahen sie einen Storch auf und ab gehen, der nach Fröschen suchte. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch heranschweben.

„Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr“, sagte er Großwesir, „dass diese beiden Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen werden. Wie wäre es, wenn wir uns in Störche verwandeln?“ „Wohl gesprochen!“, antwortete der Kalif. „Aber vorher wollen wir noch einmal nachdenken, wie man wieder Mensch wird. – Richtig! Dreimal gen Osten geneigt und Mutabor gesagt, dann sind wir wieder Kalif und Wesir. Und es darf nicht gelacht werden, sonst sind wir verloren!“

Schnell zog der Kalif die Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise und bot sie auch dem Großwesir an, der gleichfalls schnupfte. „Mutabor!“, riefen sie, und schon schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot. Die schönen gelben Pantoffeln des Kalifen wurden unförmige Storchfüße, die Arme zu Flügeln, der Hals streckte sich und weiche Federn bedeckten den ganzen Körper.

„Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir“, sprach der Kalif und staunte. „Beim Barte des Propheten, so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.“ „Danke untertänigst“, erwiderte der Großwesir, „aber wenn ich es wagen darf, möchte ich doch behaupten, dass Eure Hoheit als Storch fast noch hübscher aussieht. Kommt, wir wollen unsere Kameraden belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch verstehen.“

Nun war auch der andere Storch auf der Erde angekommen. Er putzte sich mit dem Schnabel die Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storch zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, näher zu kommen, und vernahmen folgendes Gespräch:

„Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?“ „Schönen Dank, Frau Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines Frühstück geholt. Ist euch vielleicht ein Viertelchen Eidechse gefällig oder ein Froschschenkel?“ „Danke, danke, ich habe heute gar keinen Appetit und bin auch aus einem ganz anderen Grund hier auf dieser Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters tanzen, und da will ich im Stillen ein wenig üben.“

Darauf machte die junge Störchin höchst ungewöhnliche Bewegungen. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach. Als sie dann aber auf einem Fuß stand und mit den Flügeln etwas tollpatschig wedelte, da konnten sich beide nicht mehr halten. Ein unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie sich lange nicht erholten. „Das war ein rechter Spaß, der nicht mit Gold zu bezahlen ist“, rief der Kalif. „Schade, dass wir die Störche mit unserem Gelächter verscheucht haben, sonst hätten sie auch noch bestimmt gesungen!“

Doch jetzt fiel es dem Großwesir wieder ein, dass Lachen während der Verwandlung verboten war. Das sagte er dem Kalifen. Der erschreckte sich fürchterlich und rief: „Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müsste! Wie war denn nur das Zauberwort? – Ich glaube, wir müssen uns dreimal gen Osten bücken und ‚mu, mu, mu‘ sprechen.“

Sie stellten sich also gen Osten und bückten sich in einem fort, dass ihre Schnäbel beinahe die Erde berührten. Was für ein Jammer! Das Zauberwort war ihnen entfallen, und die Erinnerung daran war ihnen einfach entschwunden. Der arme Chasid und sein Wesir, sie mussten Störche bleiben.

Traurig stelzten die Verzauberten durch die Felder und wussten nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. In die Stadt konnten sie auch nicht zurück, denn wer hätte einem Storch geglaubt, dass er der Kalif sei. Und die Einwohner von Bagdad hätten bestimmt nicht einen Storch als Kalif gewollt.

So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von Feldfrüchten, die sie mit ihren langen Schnäbeln nicht gut verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens keinen Appetit, denn mit solchen Leckerbissen wollten sie sich den Magen nicht verderben. Ihr einziges Vergnügen war, dass sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu sehen, was gerade passierte.

In den ersten Tagen bemerkten sie große Trauer in den Straßen. Am vierten Tage saßen sie aber auf dem Palast des Kalifen und sahen unten in der Straße einen prächtigen Aufzug. Trommeln und Pfeifen ertönten, und ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel ritt auf einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern. Halb Bagdad sprang ihm nach, und alle schrieen: „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“

Da sahen sich die beiden Störche an, und der Kalif Chasid sprach: „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn des mächtigen Zauberers Kaschnur, der mir einst Rache schwor. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf! Komm mit mir, mein treuer Gefährte, wir wollen zum Grabe des Propheten Mohamed wandern. Vielleicht kann der Zauber an dieser heiligen Stätte gelöst werden.“

Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu. Mit dem Fliegen wollte es aber gar nicht gut gehen, denn die beiden Störche hatten noch wenig Übung. „Oh Herr“, ächzte der Großwesir nach ein paar Stunden, „ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus. Ihr fliegt zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl daran, eine Unterkunft für die Nacht zu suchen.“

Chasid gab der Bitte seines Dieners nach. Und da er unten im Tale eine Ruine erblickte, die sich als Obdach zu eignen schien, flogen sie dorthin. Der Ort schien ehemals ein Schloss gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter den Trümmern hervor. Mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der einstigen Pracht des Hauses.

Chasid und sein Begleiter gingen umher, um sich ein trockenes Plätzchen zu suchen. Plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. „Herr und Gebieter“, flüsterte er leise, „Mir ist ganz unheimlich zumute, denn neben mir hat etwas gestöhnt.“ Der Kalif blieb nun stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher von einem Menschen als von einem Tiere zu kommen schien.

Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen. Der Wesir packte ihn aber mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif riss sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien. Er stieß die Türe mit dem Schnabel auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen.

In dem verfallenen Gemach, das nur ein kleines Gitterfenster hatte, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen. Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stieß sie ihre Klagen aus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte sie mit dem braun gefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zum größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem Arabisch: „Willkommen, ihr Störche! Ihr bringt mir ein gutes Zeichen für meine Rettung. Es ist mir einst prophezeit worden, dass ich durch Störche ein großes Glück bekommen werde!“

Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich mit seinem langen Hals, und sprach: „Nachteule! Wenn ich deinen Worten glaube, muss ich eine Leidensgefährtin in dir sehen. Aber ach! Deine Hoffnung auf Rettung ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.“ Die Nachteule bat ihn zu erzählen, was der Kalif auch tat.

Als der Kalif alles vorgetragen hatte, dankte die Eule ihm und sagte: „Nun höre auch meine Geschichte. Mein Vater ist der König von Indien. Ich bin seine einzige unglückliche Tochter und heiße Lusa. Der Zauberer Kaschnur, der auch euch verzauberte, hat mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich für seinen Sohn Mizra zur Frau. Mein Vater aber, der ein aufbrausender Mann ist, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wusste sich aber unter einer anderen Gestalt in meine Nähe zu schleichen. Als ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank, der mich in diese abscheuliche Gestalt verwandelte. Dann brachte er mich hierher und rief mir zu: ‚Hier sollst du bis an dein Ende bleiben, oder bis einer aus freiem Willen dich zur Gattin begehrt, selbst in dieser schrecklichen Gestalt. So räche ich mich an dir und an deinem stolzen Vater.‘

Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als Einsiedlerin in diesem Gemäuer. Selbst den Tieren bin ich ein Gräuel, und die schöne Natur bleibt mir verschlossen, denn am Tage bin ich blind. Nur wenn der Mond sein bleiches Licht über dieses Gemäuer ausgießt, fällt der dunkle Schleier von meinem Augen.“

Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken. „Wenn mich nicht alles täuscht“, sprach er, „steht unser Unglück in einem Zusammenhang, aber wo finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?“ Die Eule antwortete ihm: „Oh Herr! Ich spüre es auch, denn in meiner frühesten Jugend ist mir von einer weisen Frau prophezeit worden, dass ein Storch mir großes Glück bringen werde. Vielleicht kenne ich einen Weg, wie wir uns retten können.“

Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, was sie damit meine. Sie antwortete: „Der Zauberer, der uns unglücklich gemacht hat, kommt jeden Monat einmal in diese Ruinen. Nicht weit von meinem jämmerlichen Gemach hier ist ein Saal. Dort pflegt er mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie belauscht. Sie erzählen dann von ihren schändlichen Werken. Es könnte doch sein, dass einer das Zauberwort ausspricht, das ihr vergessen habt.“

„Oh, teuerste Prinzessin!“, rief der Kalif. „Wann kommt der Zauberer, und wo ist der Saal?“ Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach: „Verzeiht mir, aber ich kann euren Wunsch nur unter einer Bedingung erfüllen. Ich will meine Freiheit erlangen. Dies kann aber nur geschehen, wenn einer von euch beiden mir seine Hand reicht.“

Die Störche waren überrascht, und der Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen. „Großwesir“, sprach der Kalif vor der Türe, „das ist kein guter Handel, aber Ihr könntet sie schon nehmen.“ „Oh weh“, antwortete dieser, „meine Frau wird mir die Augen auskratzen, wenn ich nach Hause komme. Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unverheiratet. Mir scheint, Ihr solltet besser der jungen, schönen Prinzessin die Hand reichen.“ „Das ist es eben“, seufzte der Kalif und ließ die Flügel traurig hängen. „Wer sagt mir denn, dass sie jung und schön ist? Das bedeutet, eine Katze im Sack zu kaufen!“

Sie redeten einander noch lange zu. Als der Kalif aber erkannte, dass sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte, entschloss er sich, die Bedingung selber zu erfüllen. Die Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, dass die Zauberer schon in der kommenden Nacht sich einfinden würden. Darum verließ sie mit den Störchen das Gemach.

Sie gingen lange durch einem finsteren Gang, bis ihnen endlich ein heller Schein entgegenstrahlte. Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten durch eine Mauerlücke den ganzen Saal überschauen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, auf dem die besten Speisen standen. Rings um den Tisch zog sich aber ein Sofa, auf dem acht Männer saßen. Die Störche erkannten sogleich den Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebenmann forderte ihn gerade auf, die neuesten Taten zu erzählen. Da erzählte er die Geschichte von dem Kalifen und seinem Wesir. „Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“, fragte ein anderer Zauberer. „Ein lateinisches,“ antwortete der Krämer. „Es heißt Mutabor.“

Als die Störche das hörten, waren sie vor Freude fast außer sich. Sie liefen auf ihren langen Beinen so schnell zum Tor der Ruine, dass die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule: „Du bist unsere Retterin. Dafür will ich nun dein Gemahl werden!“ Dann aber wandten sich die Störche nach Osten und bückten sich dreimal der Sonne entgegen, die hinter dem Gebirge gerade aufging: „Mutabor!“ riefen sie, und im Nu waren sie verwandelt. Da lagen sich Herr und Diener nun vor Freude in den Armen.

Wer beschreibt aber ihre Verwunderung, als sie sich umsahen? – Eine schöne Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem Kalifen die Hand und fragte: „Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“ Sie war es wirklich, und der Kalif war von ihrer Schönheit wie geblendet.

Glücklich zogen sie zu Dritt nach Bagdad. Dort erregte die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für tot gehalten. Das Volk war hoch erfreut, den geliebten Herrscher heil und unversehrt wiederzusehen. Seine Geschichte wanderte aber schnell von Ohr zu Ohr, und der Hass richtete sich jetzt gegen den Betrüger Mizra. Das Volk zog zum Palast und nahm den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen.

Der Kalif schickte den Alten nun in dasselbe Gemach, das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Der Sohn verstand aber nichts von den Künsten des Vaters, und sollte darum wählen, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das Letztere wählte, reichte ihm der Großwesir die Dose. Eine tüchtige Prise und das Zauberwort verwandelten ihn sogleich in einen Storch. Der Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und in Garten aufstellen.

Kalif Chasid lebte noch lange vergnügt mit seiner Frau. Sein größtes Vergnügen blieb es aber, wenn der Großwesir ihn besuchte. Da sprachen sie dann oft von ihrem Storchabenteuer, und der Kalif ließ es sich nicht nehmen, den Großwesir als Storch nachzuahmen. Für die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große Freude. Wenn der Kalif aber gar zu lange klapperte und „mu, mu, mu“ schrie, dann sagte der Wesir mit einem Augenzwinkern: „Wenn das so weitergeht, verneige ich mich gen Osten und sage das Zauberwort.“

 

 

Ein Märchen von Hans Christian Andersen

Es war so herrlich draußen auf dem Lande! Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer war grün, das Heu unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt und der Storch ging auf seinen langen, roten Beinen und plapperte Ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Äcker und die Wiesen waren große Wälder und mitten in den Wäldern gab es tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Lande!

Mitten im Sonnenschein lag ein altes Landgut, welches von tiefen Kanälen umgeben war. Von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, dass kleine Kinder unter den höchsten sogar aufrecht stehen konnten. Es war ebenso wild darin wie im tiefsten Walde.

Hier saß eine Ente auf ihrem Neste, welche ihre Jungen ausbrütete. Aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen. Außerdem erhielt sie selten Besuch, denn die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als dass sie hinaufliefen, um mit ihr zu schnattern.

Endlich platzte ein Ei nach dem andern.

»Piep, piep!«

sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und streckten den Kopf heraus.

»Rapp, rapp!«

antwortete sie. da rappelten sich alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter die grünen Blätter. Die Mutter ließ sie sehen, soviel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen.

»Wie groß ist doch die Welt!«

sagten alle Jungen, da sie nun ganz anders Platz hatten als vorher, wo sie noch drinnen im Ei lagen.

»Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt sei?«,

sagte die Mutter.

»Die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen! Ihr seid doch alle beisammen?«

fuhr sie fort und stand auf.

»Nein, ich habe nicht alle, das größte Ei liegt noch da, wie lange soll denn das dauern? Jetzt bin ich es bald überdrüssig!«

Und so setzte sie sich wieder.

»Nun, wie geht es?«

fragte eine alte Ente, welche gekommen war, um einen Besuch abzustatten.

»Es währt so lange mit dem einen Ei!«

sagte die Ente, die da saß.

»Es will nicht platzen; doch sieh nur die andern an: Sind es nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesamt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.«
»Lass mich das Ei sehen, welches nicht platzen will!«

sagte die Alte.

»Glaube mir, es ist ein Kalekutenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Sorge und Not mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser! Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Lass mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Kalekutenei! Lass es liegen, und lehre lieber die andern Kinder schwimmen.«
»Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen«,

sagte die Ente.

»habe ich nun so lange gesessen, so kann ich auch noch einige Tage sitzen.«
»Nach Belieben«,

sagte die alte Ente und ging von dannen. Endlich platzte das große Ei.

»Piep, piep!«

sagte das Junge und kroch heraus. Es war so groß und hässlich! Die Ente betrachtete es:

»Es ist doch ein gewaltig großes Entlein«,

sagte sie.

»keins von den andern sieht so aus; sollte es wohl ein kalekutisches Küchlein sein? Nun, wir wollen bald dahinterkommen; in das Wasser muss es, sollte ich es auch selbst hineinstoßen.«

Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanale hinunter. Platsch, da sprang sie in das Wasser.

»Rapp, rapp!«

sagte sie, und ein Entlein nach dem anderen plumpste hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen so prächtig; die Beine gingen von selbst, und alle waren sie im Wasser; selbst das hässliche graue Junge schwamm mit.

»Nein, es ist kein Kalekut«,

sagte sie.

»Sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält; es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es doch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp, rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde euch in die große Welt führen, euch im Entenhof präsentieren; aber haltet euch immer nahe bei mir, damit niemand euch trete, und nehmt euch vor den Katzen in acht!«

Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Da drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze.

»Seht, so geht es in der Welt zu!«

sagte die Entleinmutter und wetzte ihren Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben.

»Gebraucht nun die Beine!«

sagte sie.

»Seht, dass ihr euch rappeln könnt, und neigt euern Hals vor der alten Ente dort; die ist die vornehmste von allen hier; sie ist aus spanischem Geblüt, deshalb ist sie so dick, und seht ihr: sie hat einen roten Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche einer Ente zuteil werden kann. Das bedeutet so viel, dass man sie nicht verlieren will und dass sie von Tier und Menschen erkannt werden soll! – Rappelt euch! – Setzt die Füße nicht einwärts: ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit auseinander, gerade so wie Vater und Mutter, seht: so! Nun neigt euern Hals und sagt: Rapp!«

Und das taten sie; aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut:

»Sieh da! Nun sollen wir noch den Anhang haben; als ob wir nicht schon so genug wären! Und pfui! Wie das eine Entlein aussieht; das wollen wir nicht dulden!«

Und sogleich flog eine Ente hin und biss es in den Nacken.

»Lass es gehen«,

sagte die Mutter;

»es tut ja niemandem etwas!«
»Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich«,

sagte die beißende Ente,

»und deshalb muss es gepufft werden.«
»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat«,
 
sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein.
»Alle schön, bis auf das eine, das ist nicht geglückt, ich möchte, dass sie es umarbeiten könnte.«
»Das geht nicht, Ihro Gnaden!«

sagte die Entleinmutter.

»Es ist nicht hübsch, aber es hat ein innerlich gutes Gemüt und schwimmt so herrlich wie eines von den andern, ja ich darf sagen, noch etwas besser; ich denke, es wird hübsch heran wachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden; es hat zu lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!«

Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder.

»Es ist überdies ein Entrich«,

sagte sie.

»Und darum macht es nicht soviel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen; er schlägt sich schon durch!«
»Die andern Entlein sind niedlich«,

sagte die Alte.

»Tut nun, als ob ihr zu Hause wäret, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr mir ihn bringen.«

Und so waren sie wie zu Hause.

Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum besten gehalten, und das sowohl von den Enten wie von den Hühnern.

»Es ist zu groß!«

sagten alle, und der kalekutische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, dass er Kaiser sei, blies sich auf wie ein Fahrzeug mit allen Segeln, ging gerade auf dasselbe los, und dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopfe.

Das arme Entlein wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es so hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde.

So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das arme Entlein wurde von allen gejagt. Selbst seine Schwestern waren so böse gegen es und sagten immer:

»Wenn die Katze dich nur fangen möchte, du hässliches Geschöpf!«

Und die Mutter sagte:

»Wenn du nur weit fort wärst!«

Und die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit den Füßen danach.

Da lief es und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen er schrocken auf. Das geschieht, weil ich so hässlich bin, dachte das Entlein und schloss die Augen, lief aber gleichwohl weiter; so kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war so müde und kummervoll.

Am Morgen flogen die wilden Enten auf, und sie betrachteten den neuen Kameraden.

»Was bist du für einer?«,

fragten sie, und das Entlein wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.

»Du bist außerordentlich hässlich«,

sagten die wilden Enten.

»Aber das kann uns gleich sein, wenn du nur nicht in unsere Familie hineinheiratest.«

Das Arme! Es dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheiraten, wenn es nur die Erlaubnis erhalten konnte, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.

So lag es zwei ganze Tage; da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin. Es war noch nicht lange her, dass sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck.

»Höre, Kamerad!«

sagten sie:

»Du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden mögen; willst du mitziehen und Zugvogel werden? Hier nahebei in einem andern Moore gibt es einige süße, liebliche Gänse, lauter Fräulein, die alle >Rapp!< sagen können. Du bist imstande, dein Glück zu machen, so hässlich du auch bist.«
 
»Piff, paff!«

ertönte es eben, und beide wilde Gänse fielen tot in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutrot.

»Piff, paff!«

erscholl es wieder, und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf. Und dann knallte es abermals. Es war große Jagd; die Jäger lagen rings um das Moor herum, ja einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilfrohr hinstreckten. Der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunklen Bäume hinein und weit über das Wasser hin; zum Moore kamen die Jagdhunde: platsch, platsch! Das Schilf und das Rohr neigten sich nach allen Seiten. Das war ein Schrecken für das arme Entlein! Es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblicke stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein; die Zunge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten greulich-häßlich; er streckte seinen Rachen dem Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – platsch, platsch! – ging er wieder, ohne es zu packen.

»0 Gott sei Dank!«

seufzte das Entlein.

»Ich bin so hässlich, dass mich selbst der Hund nicht beißen mag!«

Und so lag es ganz stille, während die Schrotkörner durch das Schilf sausten und Schuss auf Schuss knallte.

Erst spät am Tage wurde es stille, aber das arme Junge wagte es noch nicht, sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moore, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese. Da tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen.

Gegen Abend erreichte es eine arme kleine Bauemhütte; die war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so, dass es sich niedersetzen musste, um sich dagegen zu stemmen; und es wurde schlimmer und schlimmer. – Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.

Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Und der Kater, welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dann musste man ihm gegen die Haare streichen. Die Henne hatte ganz kleine niedrige Beine, und deshalb wurde sie Küchelchen Kurzbein genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.

»Was ist das?«

sagte die Frau und sah ringsum; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, dass das Entlein eine fette Ente sei, die sich verirrt habe.

»Das ist ja ein seltener Fang!«

sagte sie.

»Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.«

Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier. Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne war die Dame, und immer sagten sie:

»Wir und die Welt!«

Denn sie glaubten, dass sie die Hälfte seien, und zwar die bei weitem beste Hälfte. Das Entlein glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könne. Aber das litt die Henne nicht.

»Kannst du Eier legen?!«,

fragte sie.

»Nein!«
»Nun, dann wirst du die Güte haben, zu schweigen!«

Und der Kater fragte:

»Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?«
»Nein!«
»So darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!«

Und das Entlein saß im Winkel und war bei schlechter Laune; da fielen die frische Luft und der Sonnenschein herein; es bekam solch sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen.

»Was fällt dir ein?«

fragte die.

»Du hast nichts zu tun, deshalb fängst du Grillen! Lege Eier oder schnurre, so gehen sie vorüber.«
»Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen!«

sagte das Entlein.

»So herrlich, auf den Grund niederzutauchen!«
»Ja, das ist ein großes Vergnügen!«

sagte die Henne.

»Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater danach – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne -, ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen? Ich will nicht von mir sprechen. – Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, dass die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?«
»Ihr versteht mich nicht!«

sagte das Entlein.

»Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen können? Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater und die Frau; – von mir will ich nicht reden! Bilde dir nichts ein, Kind, und danke deinem Schöpfer für all das Gute, das man dir erwiesen! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast eine Gesellschaft, von der du etwas profitieren kannst? Aber du bist ein Schwätzer, und es ist nicht erfreulich, mit dir umzugehen! Mir kannst du glauben. Ich meine es gut mit dir. Ich sage dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen. Sieh nur zu, dass du Eier legst oder schnurren und Funken sprühen lernst!«
»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!«

sagte das Entlein.

»Ja, tue das!«,

sagte die Henne.

Und das Entlein ging. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit übersehen.

Nun wurde es Herbst; die Blätter im Walde wurden gelb und braun; der Wind fasste sie, so dass sie umhertanzten; und oben in der Luft war es sehr kalt; Wolken hingen schwer mit Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie:

»Au! au!«

vor lauter Kälte. Es fror einen schon, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut. Eines Abends – die Sonne ging so schön unter – kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busch. Das Entlein hatte noch nie so schöne gesehen. Sie waren ganz blendend weiß mit langen geschmeidigen Hälsen. Es waren Schwäne.

Sie stießen einen ganz eigentümlichen Ton aus, breiteten ihre prächtigen langen Flügel aus und flogen von der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen! Sie stiegen so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde so sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser wie ein Rad rundherum, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen aus und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, dass es sich selbst davor fürchtete.

Oh, es konnte die schönen glücklichen Vögel nicht vergessen und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es gerade bis auf den Grund. Als es wieder heraufkam, war es ganz außer sich. Es wusste nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flögen. Aber doch war es ihnen gut, wie nie jemandem zuvor.

Es beneidete sie durchaus nicht. Wie konnte es ihm einfallen, sich solche Lieblichkeit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten – das arme hässliche Tier!

Und der Winter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein musste im Wasser umher schwimmen, um das völlige Zufrieren desselben zu verhindern; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, kleiner und kleiner. Es fror, so dass es in der Eisdecke knackte; das Entlein musste fortwährend die Beine gebrauchen, damit das Loch sich nicht schloss. Zuletzt wurde es matt, lag ganz stille und fror so im Eise fest

Des Morgens früh kam ein Bauer; da er dies sah, ging er hin, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Da lebte es wieder auf.

Die Kinder wollten mit ihm spielen; aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas zuleide tun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, so dass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfass, dann hinunter in die Mehltonne und wieder herausflog.

Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange danach; die Kinder rannten einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen. Sie lachten und schrien! Gut war es, dass die Tür offenstand und es zwischen die Reiser in den frisch gefallenen Schnee schlüpfen konnte.

Da lag es, ganz ermattet. Aber all die Not und das Elend, welche das häßliche Entlein in dem harten Winter erdulden musste, zu erzählen, würde zu trübe sein. Es lag im Moore zwischen dem Schilfe, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen; es war herrlicher Frühling.

Da konnte auf einmal das Entlein seine Flügel schwingen. Sie brausten stärker als früher und trugen es kräftig davon und ehe dasselbe es recht wusste, befand es sich in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen grünen Zweige bis zu den gekrümmten Kanälen hinunterneigte.

Oh, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne. Sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Das Entlein kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer eigentümlichen Traurigkeit befangen.

»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Sie werden mich totschlagen, weil ich, der ich so hässlich bin, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist egal! Besser, von ihnen getötet werden, als von den Enten gezwackt, von den Hühnern geschlagen, von dem Mädchen, welches den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter Hunger zu leiden!«

Und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen. Diese erblickten es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los.

»Tötet mich nur!«,

sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein Bild unter sich, das kein plumper Vogel mehr, hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war.

Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!

Es fühlte sich ordentlich erfreut über all die Not und die Drangsale, welche es erdulden musste. Nun erkannte es erst recht sein Glück an all der Herrlichkeit, die es begrüßte. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.

In den Garten kamen einige kleine Kinder. Sie warfen Brot und Korn in das Wasser und das kleinste rief:

»Da ist ein neuer!«

Und die andern Kinder jubelten mit:

»Ja, es ist ein neuer angekommen!«

Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurden Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und sie sagten alle:

»Der neue ist der schönste! So jung und so prächtig!«

Und die alten Schwäne neigten sich vor ihm. Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel. Er wusste selbst nicht, womit er beginnen sollte.

Er war überglücklich, aber durchaus nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz! Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, dass er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog sich mit den Zweigen gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien so warm und so mild!

Da brausten seine Federn, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er:

»So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!«

 

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